Möglichkeiten Denken

(Kein) Licht am Ende des Tunnels?

Ihre Gedanken kreisen ununterbrochen um das Misslungene, das Verpasste, den Verlust, den Verrat, die Niederlage?
Sie ärgern SICH? Ja! SICH!  Die oder Derjenige, die/der es am wenigsten verdient hat und definitiv jetzt alles andere gebrauchen könnte als Ärger!  

Wie oft verbringen wir unsere Zeit mit Nachdenken darüber „was hätte sein können“ oder „was nicht mehr ist“. Wir fühlen uns ziemlich elend, klein und schwach und die Stimmung ist am Boden. Wir heulen unseren Seelenschmerz in die Kissen und fühlen uns von der Welt verlassen und von Ungerechtigkeit geschlagen. Irgendwann treten wir vor den Spiegel und sehen genau so  aus, wie wir es erwartet haben: müde, gezeichnet, kraftlos, mutlos oder um es trivialer zu sagen: ziemlich beschissen.

Bestätigt und dennoch geschockt ärgern wir uns noch mehr über uns, werden noch wütender, fühlen uns hilflos und ohnmächtig. Plötzlich sehen wir nur noch Menschen, denen es besser geht, die die Chance genutzt haben, es geschafft haben, die gutgelaunt zusammensitzen und eigentlich auf die Frage „wie geht’s Dir denn“, keine Antwort wollen. Spätestens jetzt sinkt der letzte Rest von gutem Gefühl in sich zusammen wie ein Bündel aufgebrühter Teeblätter und wir versinken in ein dunkles Loch, lassen die Rolläden herunter und stellen das Telefon ab.

Kennen Sie das?  Dann lassen Sie uns doch einmal genauer hinschauen, WAS wir da  eigentlich mit UNS anstellen, WOZU wir uns so demontieren und WIE wir anders mit uns umgehen könnten!

Schlüpfen wir dazu einmal die Haut dieser armen Figur, deren trauriges Schicksal wir oben beschrieben haben! Vielleicht sagen Sie jetzt:“ Das brauch ich gar nicht, ich weiß genau, wie sich das anfühlt“!

Lassen Sie sich von sich überraschen!

Wir spulen dazu die Geschichte zurück an den Anfang. Dorthin, wo ihm oder ihr (nennen wir ihn oder sie der Einfachheit halber „die Figur“) das Missgeschick passierte, die Chance verpasst wurde, der Partner, die Freundin, der Freund Sie betrogen oder verlassen hat, den guten Job ein anderer bekommen hat oder ihr schlichtweg der Mut gefehlt hat. Von dort werfen wir einen Blick auf unsere tragische Figur. Wie steht sie wohl da?

Steht sie überhaupt noch oder sitzt sie, mit leerem Blick oder zusammengekauert an einer Wand. Oder liegt sie gar, vergraben unter Kissen? Wie sieht sie aus? Wenn Sie ein Maler wären, was würde das Bild zeigen? Was denkt sie wohl? Wünscht Sie sich etwas oder jemanden? Welche Impulse hat sie? Schauen Sie hin! Es ist IHRE Figur, und wie könnte ihr Gefühl und die Figur die dieses gerade verkörpert irgendjemand besser sehen, empfinden und beschreiben als Sie selbst!

Jetzt haben Sie vor Ihrem inneren Auge  vielleicht einen Ort, Platz oder einen Raum für Ihre Figur gefunden, sehen sie dort sitzen, stehen oder liegen, sehen genau hin wie sie schaut, beobachten ihre Körperhaltung. Jetzt kommt Ihre erste Selbstbeobachtungsaufgabe! WAS spüren SIE, wenn Sie in dieses Bild gehen, und sich vorstellen, was wohl in ihrer Figur da drüben vorgeht? Versuchen Sie dabei ebenfalls ihren ganzen Körper einzubeziehen. (Wir neigen dazu, die Aufgabe sofort unserem Kopf zu übergeben). Was ist ihr erster Gedanke? Wo spüren Sie eine Körperwahrnehmung? Wie würde das Bild von Ihnen wohl aussehen, würde sie jetzt unbemerkt jemand in Ihrem Erleben fotografieren oder malen? Lassen Sie sich Zeit für sich. Und das Allerwichtigste: Es geht um das Beobachten, nicht um ein Bewerten Ihrer Empfindungen.

Vielleicht haben Sie gerade auch gemerkt, dass Sie in einer Art „Doppelrolle“ sind: Sie schlüpfen einerseits in die Rolle Ihrer Figur und fühlen sich in sie ein und sind andererseits Beobachter von sich selbst. Das ist das Spannende an dieser Übung. Das eigene Erleben sozusagen von „extern“ zu betrachten. Der Effekt ist, ähnlich wie bei einem Gespräch mit einer „neutralen“ Person, dass die eigene „black box“, die uns in Krisen gerne einmal verschluckt, verlassen werden kann und somit neue Gedanken, Gefühle, Impulse, Eindrücke einen Platz bekommen. Und nicht nur das! Aus dieser Übung können sogar neue Impulse, Ideen oder Perspektiven hervorgehen, ganz von selbst aufblitzen oder aufsteigen, einfach so „aus dem Bauch heraus“.

Wichtig ist jedoch das wirkliche Einlassen, sowohl auf die Figur in Form eines wirklichen „Kostümtauschs“, als auch auf den neutralen und aufmerksamen wertfreien Beobachter. Hilfreich für den Rollenwechsel kann es sein, zwei verschiedene Stühle zu benutzen. Am besten ganz real oder – falls dies für einige zu befremdlich erscheint – zumindest in der Vorstellung. Wobei … so seltsam ist das gar nicht! Überlegen Sie einmal, wie wir ganz automatisch im Alltag verschiedene Rollen mit verschiedenen Plätzen verbinden. Wir arbeiten im Arbeitszimmer oder an einem Platz, den wir mit „arbeiten“ gekoppelt haben. Wir entspannen auf der Couch, wenn wir auf „Feierabend“ schalten.  Oft gibt es feste Plätze am Tisch für bestimmte Personen oder bestimmte Räume empfinden wir für besondere Arten von Gesprächen als geeignet oder auch ungeeignet. Auch bei der Kleidung schlüpfen wir nach der Arbeit in das „Freizeitdress“, und dies nicht nur aus Gründen der Bequemlichkeit. Rollenklarheit schafft innere Ordnung! Innere Ordnung schafft Orientierung. Und genau die kommt uns in Krisensituationen vorübergehend abhanden!

Gehen wir also an dieser Stelle noch einmal zurück in unseren „Film“: Wir waren dort stehengeblieben, wo wir (von einer Seite des Zimmers aus)die Figur (an einer anderen Stelle im Raum) in der vorgestellten Position beobachtet haben und uns im Geiste (oder ganz real) Notizen über unsere eigenen Beobachtungen gemacht haben: Was haben wir notiert?

Was ist mir aufgefallen?

Was hat mich überrascht?

Was hat mich bewegt?

Welche Bilder, Gedanken, Gefühle sind aufgetaucht?

Hat es mich an eine andere Erfahrung oder ein Erlebnis erinnert?

Welchen Impuls hat es in mir ausgelöst?

Wenn ich spontan zu der Figur hingehen würde, was würde ich ihr sagen wollen?

Was würde sie mir sagen?

Was braucht sie von mir?

Spätestens an dieser Stelle, merken Sie vielleicht, wie viele innere Dialoge wir Menschen ständig in und mit uns führen! Sie sind unsere wertvollsten Instrumente! Sie prüfen Optionen, schauen sich zweifelnde Argumente an, zeigen uns die Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten auf, geben zarte Warnhinweise in Richtung unserer Grenzen und überlassen uns die Autonomie der Entscheidung! Ja, auch wenn dies im Moment der Krise eher als Fluch statt als Segen erscheint, weil sich die Entscheidungsfähigkeit angeschlagen fühlt, sind all unsere Zweifel ein kluges und feines Instrument, um unsere neue (Aus)Richtung zu bestimmen um am Ende entscheiden zu können, welchen Gedanken wir folgen wollen, welche neuen Aussichten uns diese neuen Einsichten bringen und welche NEUEN WEGE wir mit diesen neuen Aussichten beschreiten können!

Packen Sie’s an! Werden Sie ein MÖGLICHKEITEN-DENKER!